Wir versilbern das Netz!

Dieses Buch erzählt von neugierigen, aufgeschlossenen Menschen. Die ältesten sind schon über 90 Jahre alt. Sie haben gemerkt, dass sie sich mit Smartphone und Tablet auskennen müssen – Arzt- und Amtstermine? Reisebuchungen? Online! Wer nicht drin ist, der ist draußen.

„Ich wollte mein Tablet schon wegwerfen,
weil ick dachte, ick bin doof!“
Andreas D., 69 Jahre

Dagmar Hirche, 62, ist das, was man eine Influencerin nennt. Die Hamburgerin hat eine Mission. Seit sie im Jahre 2007 zusammen mit anderen den Verein „Wege aus der Einsamkeit“ gründete, geht sie als Mutmacherin voran in das Land der Alten. 17,5 Millionen über 65-Jährige gibt es in Deutschland, dieser wohlhabenden Nation, die sich verlässlich über Benzinpreise und Fahrverbote empört, aber die Großelterngeneration beim Kreuzworträtseln oder Entenfüttern wähnt.

Lassen Sie sich an die Hand nehmen und seien Sie dabei, wenn Dagmar Hirche Menschen 65 plus im Gebrauch von Tablet und Smartphone schult. Rund 4500 haben in den vergangenen fünf Jahren unter ihrer Anleitung gelernt, E-Mails, Fotos und WhatsApps zu verschicken.

Frau Hirche, Sie wollen Menschen im Alter 65 plus für die digitale Welt begeistern. Warum ist das wichtig?
Smartphone und Tablet haben die Welt beschleunigt und technische Neuerungen nach vorn gebracht. Vieles gibt es nur noch online. Da hat es mich wirklich erschreckt zu sehen, wie viele ältere Menschen zurückbleiben. Bei den 70- bis 74-Jährigen sind aktuell 39 Prozent online, bei den über 80-Jährigen nur noch elf Prozent, die jenseits der 90 werden statistisch gar nicht mehr erfasst. Als wir anfingen, sah es noch schlechter aus.

 

Welche Konsequenzen fürchten Sie?
Alte Menschen verlieren zunehmend die Teilhabe am Leben. Nur zwei Beispiele: Heutzutage ist es viel einfacher, online bei den Ortsämtern einen Termin zu bekommen. Natürlich können Sie auch anrufen, aber wenn Sie endlich einen Mitarbeiter am Hörer haben, ist Ihr Wunschtermin längst vergeben. Oder: Viele Veranstaltungen werden nicht mehr in Zeitungen veröffentlicht, sondern nur noch auf Onlineplattformen. Das heißt, ältere Menschen erfahren nicht mehr, was in ihrer Umgebung läuft.

Wie haben Sie die Expedition in die digitale Welt gestartet?
Zunächst haben wir 2014 sechs 80-Jährige, die keine Ahnung vom Internet hatten, zu einer Tablet- und Smartphone-Schulung eingeladen. Wichtig war: Klein anfangen. Langsam vorgehen. Beim Smartphone habe ich zunächst mal die Knöpfe erklärt. Wo geht das „Ding“ an, wo aus, wie stelle ich den Ton laut und leise, wo kann ich die Schrift und die Helligkeit verändern. Dann haben wir gelernt, dass ein Smartphone keine manuelle Schreibmaschine ist. Die Teilnehmer waren es gewohnt, kräftig auf die Tasten zu drücken, worauf ganz andere Dinge passierten als gewünscht. Wir haben also erst mal gelernt: Wo ist die Tastatur und wie drückt man da drauf? Wie vergrößert man Bilder durch Aufziehen mit zwei Fingern, wie schaltet man auf Flugmodus, stellt also sein Smartphone auf leise – sehr wichtig in Konzerten!

Ein Beispiel, das Sie als Lehrerin besonders gefreut hat?
Eine gehbehinderte Teilnehmerin wurde von ihrer Tochter im Rollstuhl in unsere Runde gebracht. Die Tochter hatte ihre Mutter überreden müssen, entsprechend schlecht war deren Laune. Ich habe gefragt: „Was interessiert Sie denn?“ Antwort: „Früher bin ich gern in Museen gegangen, aber das geht ja nun nicht mehr.“ Daraufhin habe ich ihr gezeigt, wie sie virtuelle Rundgänge in fast jedem Museum der Welt machen kann. Drei Wochen später ruft mich die Tochter an: „Meine Mutter ist total digital geworden. Sie hat sich eine Liste von Museen gemacht, googelt über Künstler und guckt sich an, was sie bei Wikipedia findet!“

„Für mich sind die Geräte Hilfe zur Selbsthilfe,
um mir das Leben im Alter zu erleichtern.“
Monika K., 80 Jahre