Blankenese im National­sozialismus von 1933 bis 1939

Sieh dich um, Blankeneser Volksgenosse, und du wirst sehen, wie auch bei uns neues Leben blüht und wächst, seitdem der Führer die Geschichte Deutschlands lenkt! Sieh, wie sich auch innerlich alles gewandelt hat, und denke daran, daß wir dem Führer dafür Dank schulden!

Mit diesen Worten feierten die in Blankenese beheimateten »Norddeutschen Nachrichten« in ihrer Ausgabe am 27. März 1936 die von den Nationalsozialisten geschaffene neue gesellschaſtliche Ordnung, die als »Volksgemeinschaſt« propagiert wurde und das demokratische System der Weimarer Republik abschaffen sollte. In der »Volksgemeinschaſt«, so das Versprechen, würden die Klassenkämpfe und politische Zerrissenheit der »Systemzeit« aufgelöst zugunsten einer rassisch begründeten nationalen Einheit und einer neuen gesellschaſtlichen Harmonie, die keine Standesunterschiede und keine sozialen Konflikte mehr kennen würde.

Sammlung für das Winterhilfswerk durch den BDM

Die Realität der Jahre nach 1933 hatte mit diesem Ideal nur wenig zu tun. Nicht nur bestanden zwischen den sozialen Gruppen weiterhin große Unterschiede hinsichtlich des Einkommens und des Prestiges. Die so friedlich dargestellte »Volksgemeinschaſt« beruhte auf Abgrenzung, Entrechtung und Verfolgung all derjenigen, die der rassisch und politisch definierten Einheit nicht entsprachen. Wer sich nicht zum Nationalsozialismus bekannte, wurde argwöhnisch betrachtet und beruflich und sozial benachteiligt. Wer gar gegen das Regime opponierte, wurde erbarmungslos bekämpſt. Die Verfolgung und Erniedrigung politischer Gegner gehörte auch in den Elbgemeinden mit zur Realität. Eine Realität, die öffentlich war und die keinem Zeitgenossen entgehen konnte, waren Bilder und Berichte täglich in den Zeitungen zu sehen.

Die Forderung nach einer wie auch immer gearteten »Volksgemeinschaſt« war bereits ein Hauptbestandteil der NS-Wahlkämpfe bis 1933 gewesen – sie blieb freilich mehr Schlagwort als ausformuliertes Gesellschaſtsmodell und war zudem kein genuin nationalsozialistischer Begriff. Keine andere Partei als die NSDAP setzte die »Volksgemeinschaſt« aber so massiv in ihrer Propaganda ein und präsentierte sie als Gegenmodell zur Gesellschaſt der Weimarer Republik mit ihrer parlamentarischen Demokratie. Diese sollte schnellstmöglich abgeschafft und durch den autoritären Staat ersetzt werden, daraus machten die Nationalsozialisten keinen Hehl.

Die verfolgte Künstlerin Ida Ehre, Aufnahme um 1930

In der Realität des »Dritten Reiches«, so ein Fazit des Buches, war die »Volksgemeinschaſt« letztlich keine propagandistische Leerformel mehr: Sie strukturierte auf der einen Seite die Maßnahmen, mit denen die Nationalsozialisten die deutsche Gesellschaſt umbauen und auf den unweigerlich kommenden Krieg vorbereiten wollten. Das lässt sich auch und vielleicht gerade in der Lokalgeschichte hervorragend nachweisen.

Und wer nicht hinsehen wollte, für den sind die »großen Dinge« eben »woanders« passiert, der war mit Terror und Verfolgung »im täglichen Leben nicht konfrontiert«. Dieses Stillschweigen, der Rückzug in gesellschaſtliche Nischen oder maximal das leise Bekundungen von Unzufriedenheit bildeten indes keinen Grund für gesellschaſtliche Instabilität, das Abrücken vom zunächst begrüßten Nationalsozialismus geschah zu spät, um diesen zu gefährden. Jeder kleine Freiraum, der in der Nachschau den Eindruck erwecken konnte, ein Leben außerhalb des NS sei möglich gewesen, blieb immer Teil der »Volksgemeinschaſt« und konnte durch die Machthaber, da nicht »systemrelevant«, toleriert werden. Widerstand war dies nicht, eher die Kontinuität konservativer Denk- und Handlungsmuster in ihrer Ambivalenz zwischen Bejahung und Ablehnung.

Hachschara – gärtnerische Ausbildung zur Vorbereitung der Auswanderung nach Palästina

Mit Beiträgen von Claudia Bade, Maike Bruhns, Joachim Eggeling, Hans Jürgen Höhling, Bernhard Keller, Emma Kühnelt, Jan Kurz, Frank Omland, Leonas Pausch, Carolin Vogel und Fabian Wehner. Das ganze Inhaltsverzeichnis finden Sie hier.


Förderkreis

Der Förderkreis Historisches Blankenese e. V. hat es sich zum Ziel gesetzt, die wechselvolle Geschichte der Elbgemeinden im Hamburger Westen zu erforschen. Er steht offen für alle, die an der Vergangenheit dieser Gegend und an der Verbreitung des Wissens darüber interessiert sind.

Weitere Informationen finden Sie auf der Internetseite des Förderkreises.


Bild ganz oben: Otto Thämers Fresko »Besiedlung der Niederelbe« im Finanzamt Blankenese, der heutigen Bugenhagen-Schule